Sankt Afra, Kochtopf der Begabungen – das geht hier schon Jahrhunderte so!

Schöner Hügel, Moritz!
Vor über 800 Jahren, 1205 war’s, lud Bischof Dietrich II. einige Augustiner-Chorherren nach Meißen ein: »Schöner Hügel. Schöne Aussicht. Hier gründen wir ein Kloster.« So fing alles an.
Dann kam Moritz von Sachsen, ein grimmig entschlossener Fürst. Er stand vor der Frage, was man nach der Reformation mit Klostergebäuden anstellen sollte, und ließ das afranische Kloster 1543 zur »fürstlichen Landesschule« umbauen. Ähnlich ging er in Schulpforta und Grimma vor. Die ältesten staatlichen Schulen Deutschlands entstanden und waren nicht nur für adelige, sondern vor allem für begabte Schüler gedacht, die dort humanistisch ausgebildet wurden. Das hieß damals vor allem: Religion, Latein, Griechisch. Ein verblüffend erfolgreiches Modell, das mit einigen Anpassungen bis 1942 bestand.
Fürchtegott, Gotthold
Apropos Anpassungen: Zum Beispiel kamen 1713 ein paar Fächer dazu, Mathe, Naturwissenschaften, Geometrie, Geographie, Französisch. Später sogar Geschichte und kurzzeitig mal Tanz (fand August der Starke so schön). Im 18. Jahrhundert waren dann auch unsere Vorzeige-Ehemaligen an Sankt Afra: Zuerst der spätere Dichter und Philosoph Christian Fürchtegott Gellert, zehn Jahre danach, 1741, Gotthold Ephraim Lessing. Lessing hatte eine fantastische Aufnahmeprüfung hingelegt und war auch danach ein derart überirdisch toller Schüler, dass er vom Rektor vorzeitig entlassen wurde. Rausschmiss wegen Genialität sozusagen. Immerhin fünf Jahre hat er Afra mitgeprägt. 1771 fängt Samuel Hahnemann in Afra an, der später die Homöopathie begründete. Sorgt heute für hitzige Debatten, war damals aber stark gedacht.


Glauben, Heimat, Bildung
1876-79 wird ein neues Schulgebäude nach state of the art im neoklassizistischen Stil gebaut. Das ist das Haus, in dem wir heute noch lernen, mit ein paar kleinen Unterschieden in der Nutzung: Damals gab es dann auch Bäder im Schulgebäude, einen Betsaal, sogenannte Studierstuben, ein Tanz- und »Gesangslokal« und im Keller eine Kegelbahn. Was heute Bibliothek ist, war damals Speisesaal, dessen Essensausgabe die Schüler liebevoll »Graupenloch« nannten. Außerdem wohnte der Rektor in der Schule und auch der Schlafsaal der Schüler war im Gebäude untergebracht. Vor der Tür ein stattlicher Garten, die heutige Festwiese. Am Ostflügel wird die Inschrift »Christo Patriae Studiis« angebracht, »Für Christus, Vaterland und Wissenschaft«. – Wie würdest du es übersetzen?
„Schon ein erster, flüchtiger Blick zeigt deutlich, dass hier Altes mit Jüngerem zu einem Neuen
Afranisches Merkbuch über das neue Schulgebäude 1879
verbunden ist.“
Ideologen-Ideale
1914. Notabitur. 147 Schüler und 5 Lehrer fallen im Ersten Weltkrieg. Davon abgesehen, sowie von Schießstunden am Nachmittag, läuft der Schulalltag unberührt weiter. Der kriegsbedingte Schülermangel hatte den positiven Effekt, dass endlich Mädchen zugelassen wurden.
Dann kamen die Nationalsozialisten. An Afra tummelten sich sowohl Anhänger wie auch Gegner der NSDAP. 1934 wird ein parteitreuer Schulleiter eingesetzt, der anfängt, am humanistischen Ideal zu sägen. Bildung hieß von da an: ideologische Erziehung zur Stärke, Furchtlosigkeit, Treue. Mehr Sport, mehr Geschichte, Deutsch und Bio nach Nazi-Ideologie, weniger Latein, weniger Physik.


Krieg, Bruch, Befreiung
Spätestens 1942 war es mit »Christo Patriae Studiis« dann endgültig und auch symbolisch vorbei, die Nazis entfernten die Inschrift, Sankt Afra wurde am 17.11.1942 in eine »Deutsche Heimschule« umgewandelt und dem »Reichssicherheitshauptamt« bzw. der SS unterstellt. Die Tradition der fürstlichen Landesschule mit humanistischem Bildungsanspruch war gebrochen. – Zum 400. Schuljubiläum im Juli 1943 nutzen einige Schüler und Lehrer ihre Festreden noch zum Protest, was »personelle Säuberungen« zur Folge hatte.
In den letzten Kriegstagen besetzte die Rote Armee das Schulgebäude. Und nun?
SED, LPG, SLG
Nun hätte es mit der humanistischen Bildung wieder (fröhlich) weitergehen können, ging es aber nicht. In der DDR nutzte man das Gebäude lieber für eine Landesparteischule der SED und 1953 zog die Hochschule für Landwirtschaftliche Produktiongenossenschaften (LPG) Meißen in Sankt Afra ein. Das blieb so bis 1991. – Kurze Neuorientierung und dann, 1992, wurde dank einer Bürgerinitiative das St. Afra-Gymnasium wiedergegründet. Träger war der Landkreis, wobei alle hofften, das Land Sachsen könnte das übernehmen. Das Kabinett entschied allerdings, die Schule lieber noch einmal ganz neu aufzuziehen: als begabungsfördernder Bildungscampus in kurfürstlicher Landesschulentradition. 1997 wurde das Konzept abgesegnet, ab dem Folgejahr saniert und gebaut: Turnhalle, Mensa und die Internatshäuser entstanden und 2001 eröffnete das neue Sächsische Landesgymnasium Sankt Afra für Hochbegabtenförderung.


Unbekannte Berühmtheiten
Aber auch vorher schon hat Afra spannenden Menschen den Weg geebnet: 1622 beispielsweise war Paul Flemming hier, der zum Reiseschriftsteller wurde und von seiner irren Tour durch Persien berichtete, während der seine Verlobte einen anderen heiratete, woraufhin er sich mit der Schwester der Verlobten verlobte – Soap Opera. Oder, im gleichen Jahr, Christian Lehmann, dessen schlappe 1000 Seiten langes Büchlein Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten in den Meißnischen Ober-Ertzgebirge ihn zum bedeutendsten Chronisten des Dreißigjährigen Krieges im Erzgebirge machte.
Ein Kumpel von Lessing war hier, der später das erste Vampir-Gedicht überhaupt schrieb – das war Heinrich Ossenfelder. Einer machte einen Entwurf zur Sächsischen Verfassung 1831, übersetzte außerdem Homer und besaß zahlreiche Rittergüter – das war Albert von Carlowitz. Einer wurde vom Kronprinzen Friedrich gefördert, weil er beim Manöver ein Lateinbuch unterm Arm hatte, und werkelte 1848 als Mitglieder der Frankfurter Nationalversammlung an der Verfassung des dann doch scheiternden Deutschen Reiches – das war Wilhelm Schaffrath. Einer besaß die größte Fabrik für Kopiertinte Europas und gründete eine Stiftung, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts bedürftigen oder würdigen Afranern zugute kam – das war Eduard Beyer. Einer wurde wegweisender Oberbürgermeister von Dresden – das war Bernhard Blüher. Einer ließ sich als früher Investigationsjournalist in einer Fabrik anstellen, um anschließend die Arbeitsbedingungen öffentlich anzuprangern – das war Paul Göhre. Um nur einige Beispiele zu nennen.
Kommen, Gehen, Jubiläen
Und seitdem geht es rund: Der erste Jahrgang, der die neu gegründete Schule vollständig durchlaufen hat, springt 2007 über die Schwelle. Gleichzeitig beginnt die Arbeit am Leitbild: Wie ist aus Konzept Leben geworden? Wo stehen wir und wie finden wir das? Wo wollen wir damit hin?
Afras Gründungsleiter Dr. Werner Esser geht, Dr. Ulrike Ostermaier kommt, das IB kommt auch, die Sozialpädagogen ziehen ins Internat ein, und 2021 übernimmt Stefan Weih die Leitung der Schule. Zum 25. Jubiläum erprobt das Landesgymnasium ab 2025/26 ein neues Schulkonzept, das noch mehr Raum für selbstverantwortliches Lernen bietet.

Damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Wir sind mittendrin.